JUBILÄUMSGESCHICHTEN 12 MIN

„Das weitverbreitetste Klischee ist wohl, dass wir als ‚Paragrafenreiter‘ oder alemannisch ‚Dipfelischisser‘ gesehen werden.“

Grenzen machen Steuerrecht nicht komplizierter. Sie machen es erst interessant. Bastian Kröhnke denkt dort weiter, wo Standardfälle enden: Schweiz, Frankreich, Dreiecksfall, BFH. Im Interview spricht er über internationale Mandate, kleine steuerliche Stellschrauben, große Wirkung, Zusammenarbeit mit Max Meier und warum dieser Beruf für ihn seit Jahren lebendig bleibt und anspruchsvoll.

INTERVIEWER
Henrik Schwiedeßen

INTERVIEWTER
Klaus D. Meier

Herr Kröhnke, was hat Sie dazu bewogen, sich auf internationales Steuerrecht zu spezialisieren? Ja, schwierig. Im Grunde genommen hat mich das Thema schon immer interessiert. Ein Wendepunkt war eigentlich die Beraterprüfung, die mir, sage ich mal, Glück gebracht hat, weil damals schon viel internationales Steuerrecht im Prüfungsmaterial enthalten war. Dadurch lief es in den ersten Tagen auch gleich gut mit den Noten. Hinzu kommt, dass unsere Kanzlei geografisch günstig liegt – nahe zur Schweiz und Frankreich. Wobei ich Frankreich oft eher vermeide, wenn möglich, weil es sprachlich etwas anspruchsvoller ist. Die Lage macht das Ganze aber wirklich interessant. Ich sage mal, das reine Veranlagungsgeschäft ist für mich nicht so reizvoll.

Genau, die Lage bringt einfach eine gewisse Abwechslung, die Fälle sind vielfältiger. Und deshalb dachte ich schon relativ früh, dass das internationale Steuerrecht für mich spannend sein könnte. Es ist immer so, dass ich mir überlege, was langfristig sinnvoll ist und da war das internationale Steuerrecht das Einzige, das in unserer Situation wirklich Sinn gemacht hat.

Sie sind seit über 20 Jahren in der Kanzlei – was hat sich für Sie persönlich seit Ihrer Ausbildungszeit am meisten verändert? Das ist eine schwierige Frage. Mal überlegen, was sich verändert hat… Natürlich hat sich das Büro verändert. Früher waren wir in einer Villa, das war etwa achthundert bis neunhundert Meter von hier entfernt. Damals waren wir sogar zweigeteilt, weil wir zusätzlich ein Büro gegenüber angemietet hatten, um genügend Platz zu haben. Das Team hat sich auch gewandelt und ist jetzt wirklich sehr jung, muss ich sagen. Mittlerweile gehöre ich ja schon zu den Älteren – was erschreckend ist.

Aber ja, wir sind stetig gewachsen. Wenn ich die Zeit meiner Ausbildung vergleiche mit heute, haben wir inzwischen deutlich mehr Mitarbeitende. Auch die Arbeit selbst ist vielfältiger geworden; es gibt heute mehr abwechslungsreiche Aufgaben und mehr Mandanten aus verschiedenen Branchen. Die Bandbreite reicht von Kleinstbetrieben bis hin zu sehr großen Unternehmen. Das macht die Arbeit wirklich spannend und abwechslungsreich.

Wie würden Sie einem Kind erklären, was internationales Steuerrecht ist – in drei Sätzen? In drei Sätzen? Mhm, das ist gar nicht so einfach… Also, ich würde sagen: Wenn jemand in einem Land wohnt und in einem anderen Land arbeitet, möchte jedes Land gern einen Teil von dem Geld haben, das derjenige verdient. Die Länder müssen dann miteinander aushandeln, wer wie viel davon bekommt. So würde ich es, glaube ich, grob erklären.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Max Michael Meier ab, wenn er voller Freude mit neuen Ideen um die Ecke kommt? Das kommt immer auf die Idee an. Es hängt ein bisschen davon ab, wie ich die Idee aus meiner Perspektive einschätze. Je nachdem reagiere ich dann auch mal euphorisch oder eben weniger. Wir sind, glaube ich, vom Typ her ziemlich unterschiedlich: Er ist eher extrovertiert, ich eher introvertiert. Aber ich denke, das ergänzt sich ganz gut. Manchmal muss ich ihn ein bisschen bremsen, aber es gibt auch Momente, in denen ich voll dabei bin und sage: „Okay, das passt, das können wir auf jeden Fall machen. Das macht Sinn.“

Was macht den Reiz am internationalen Steuerrecht aus? Der Reiz? Ja, im Prinzip, wie ich schon erwähnt habe, ist es eben kein Standardgeschäft. Wir haben mittlerweile viele Mandate, bei denen Mandanten zum Beispiel in München, Hamburg oder Buxtehude leben, aber Renten aus der Schweiz beziehen oder unter der Woche in der Schweiz arbeiten und nur am Wochenende bei der Familie sind. Solche Fälle sind besonders, weil es nicht um einfache Steuererklärungen geht – da muss man genau hinschauen und kann die Mandanten so beraten, dass sie durch kleine Anpassungen erhebliche Steuervorteile erzielen. Zum Beispiel könnte man empfehlen, für die Woche eine kleine Wohnung in der Schweiz zu nehmen, statt in Deutschland nahe der Grenze zu bleiben. Bei sechsstelligen Einkommen macht das dann schon einen deutlichen Unterschied.

Es wird auch spannend, wenn Schweizer Firmen in den deutschen Markt wollen oder deutsche Mandanten in der Schweiz aktiv sind. Wir haben zum Beispiel zwei Firmen, die Medikamente in der EU einkaufen und sie dann in der Schweiz verkaufen – das ist ein großes Geschäftsfeld. Solche Fälle sind interessant, weil sie kein Alltagsgeschäft sind und man sich intensiv mit den Besonderheiten beschäftigen muss. Gerade mit der Schweiz gibt es viele spezielle Regelungen. Bei anderen EU-Staaten ist das meistens weniger spannend.

Gibt es ein Land, dessen Steuersystem Sie besonders fasziniert? Schwierig. Jedes Steuersystem hat natürlich seine Vor- und Nachteile. Das Schweizer Steuersystem finde ich besonders interessant, weil es sehr einfach gehalten ist und stark auf Pauschalen setzt. Da muss man sich im Prinzip nur mit den großen Themen befassen. Wäre das bei uns ähnlich, würde es jedoch weniger Arbeit für uns bedeuten.

Allerdings gibt es in der Schweiz eine Besonderheit: Jeder Kanton hat seine eigene Gesetzgebung. Anders als bei uns, wo ein Steuergesetz für alle Bundesländer gilt, hat in der Schweiz jeder Kanton seine eigenen Regeln, was das Ganze oft komplizierter macht. Wir bearbeiten gelegentlich auch Schweizer Steuererklärungen und da müssen wir immer genau schauen, welcher Kanton betroffen ist und welche Besonderheiten gelten.

Was war der komplizierteste Fall, den Sie je betreut haben? Der komplizierteste Fall? Der läuft sogar noch. Wir haben ein Mandat übernommen, das mehrere Tochtergesellschaften hat, darunter zwei in Italien. Ursprünglich hatten wir nur ein informatives Gespräch mit dem potenziellen Mandanten, weil sie zunächst nicht wechseln wollten. Doch ein Vierteljahr später wurde es plötzlich akut und sie entschieden sich endgültig für den Wechsel. Dabei stellte sich heraus, dass es ein großes Problem mit dem italienischen Besteuerungsrecht gab. Das Ganze läuft nun schon seit zehn Jahren, da die Ämter dort einfach nicht vorankommen. Aktuell ist ein Verständigungsverfahren eingeleitet, aber mit Italien dauert das seine Zeit.

Ein weiterer komplizierter Fall betraf einen Krankenpfleger aus Nordrhein-Westfalen, der in der Schweiz in einem Pflegeheim nahe der Grenze arbeitete und Nachtschichten hatte. Er hatte sich statt einer Wohnung in Basel eine Wohnung in Frankreich genommen. Dadurch entstand eine besondere Konstellation, bei der drei Doppelbesteuerungsabkommen ins Spiel kamen: Deutschland-Schweiz, Schweiz-Frankreich und Frankreich Deutschland. Jedes Abkommen sprach das Besteuerungsrecht einem anderen Staat zu. Wir waren der Auffassung, dass er in Frankreich steuerpflichtig sei, während Deutschland das Besteuerungsrecht beanspruchte.

Der Fall ging schließlich vor das Finanzgericht Münster, wo wir gewannen. Im Jahr 2022 kam es dann zur Verhandlung beim Bundesfinanzhof (BFH) in München, bei der ich auch vor Ort war – und wir haben wieder gewonnen. Man nennt solche Konstellationen „Dreiecksfall“, weil drei Staaten gleichzeitig beteiligt sind. Es war ein sehr interessanter und beeindruckender Fall, zumal man nicht jeden Tag vor dem BFH steht.

Wie halten Sie sich bei den ständigen Gesetzesänderungen auf dem Laufenden? Auf unterschiedliche Weise. Wir haben regelmäßig aktuelle Steuerrechtsseminare von verschiedenen Anbietern, die ich mir anschaue. Einmal im Jahr gibt es eine größere Fortbildungsveranstaltung, früher war die immer vor Ort in München. Ich muss jedes Jahr eine bestimmte Anzahl Fortbildungsstunden nachweisen, um meinen Titel zu behalten. Inzwischen ist das Ganze durch Corona digitalisiert worden und das läuft dann über ein komplettes Wochenende mit Vorträgen am Samstag und Sonntag, wo die wichtigsten Änderungen behandelt werden. Außerdem erhalte ich diverse Newsletter, vor allem zu Themen aus der Schweiz, da uns die Schweiz durch die Nähe oft betrifft. Für andere Länder ist das seltener der Fall. Wenn es in der Schweiz Gesetzesänderungen gibt, bekomme ich Benachrichtigungen und kann die Entwicklungen zeitnah verfolgen.

Sie geben Ihren Kollegen oft Hilfestellung – was ist Ihr bester Coaching-Tipp? Bei mittleren Fällen lasse ich die Kollegen meistens erstmal selbstständig arbeiten, damit sie versuchen können, die Lösung eigenständig zu finden. Danach schaue ich mir die Details an und gebe Hinweise, wo sie vielleicht falsch abgebogen sind. Ich sage dann: „Schau mal hier, da bist du ein wenig falsch gelaufen. Wenn du dort richtig abgebogen wärst, wärst du schon zur Lösung gekommen.“ Es ist oft verlockend zu denken, „Ach, ich mache das schnell selbst, dann ist es erledigt.“ Aber das bringt den Kollegen nichts – sie lernen nicht dabei. Deshalb achte ich darauf, ihnen die Gelegenheit zum eigenen Lernen zu geben.

Was schätzen Sie an der Arbeit in einem Team wie dem von Meier & Kröhnke? Vor allem die Zusammenarbeit und die Möglichkeit, dass jeder seine Ideen einbringen kann. Jeder wird gehört – der Raum für Ideen ist da. In größeren Kanzleien, wie ich das von anderen Beraterkollegen höre, ist man oft nur eine Nummer und erledigt einfach seine Aufgaben. Sich aktiv einzubringen oder etwas mitzugestalten, ist dort schwieriger. Das gefällt mir an kleineren Teams: Hier gibt es kurze Wege und man kann wirklich etwas bewegen. Klar, das geht auch in größeren Betrieben, aber es hängt stark davon ab, ob das von der Führungsebene gewollt wird. Ich bin froh, dass das bei uns funktioniert.

Wie viel Zeit verbringen Sie damit, sich mit neuen Steuergesetzen oder -regelungen zu beschäftigen? Das ist schwer zu sagen, da es eine bewusste und eine unbewusste Beschäftigung gibt. Man entwickelt mit der Zeit einen gewissen „Steuer-Tick“ – wenn man zum Beispiel eine Rechnung bekommt, prüft man automatisch bestimmte Punkte, ohne groß darüber nachzudenken. Da wird man schon ein wenig zum Steuer Nerd. Natürlich gibt es auch die bewusste Beschäftigung: Man liest Fachzeitschriften oder Zeitungen und denkt sofort darüber nach, welche steuerlichen Konsequenzen bestimmte Entwicklungen haben könnten, wie etwa ein Aktiensplit. In gewisser Weise denke ich ständig steuerlich mit – das Gesetzbuch ist quasi immer im Hinterkopf.

Was wäre Ihr Traummandat? Traummandat? Das ist schwer zu sagen, weil alles Vor- und Nachteile hat. Ein Großmandat zum Beispiel hält einen durchgehend beschäftigt und lässt sich gut abrechnen, macht einen aber auch sehr abhängig. Je mehr man sich auf einen großen Mandanten stützt, desto weniger selbstständig ist man in gewisser Weise. Ideal wäre daher ein mittelständisches Unternehmen – vielleicht so zwischen vierzig und hundert Mitarbeiter. Das ist eine interessante Größe, bei der auch die Umsätze eine sinnvolle Beratung und Gestaltung ermöglichen. Kleinere Mandate sind oft schwieriger, da es an der nötigen Basis fehlt, um wirklich kreativ zu gestalten. Es sollte also eine gewisse Grundlage da sein, aber eben nicht zu groß.

Welche Trends im internationalen Steuerrecht erwarten Sie in den nächsten Jahren? Ein großes Thema wird sicherlich weiterhin die Besteuerung von Konzernen wie Amazon und ähnlichen Unternehmen sein. Aktuell werden deren Gewinne hauptsächlich außerhalb der EU oder in Ländern wie Luxemburg versteuert, wo die Steuersätze sehr niedrig sind. In den nächsten Jahren wird es vermutlich Änderungen geben, sodass auch die Staaten, in denen die tatsächlichen Lieferungen ausgeführt werden, einen Teil vom Kuchen abbekommen. Bei der Umsatzsteuer hat sich schon viel getan, insbesondere bei Versandumsätzen an Privatkunden in verschiedene EU Staaten, das funktioniert mittlerweile gut. Aber der zentrale Trend wird sein, die Besteuerungsrechte fairer aufzuteilen, sodass große Unternehmen nicht unverhältnismäßig profitieren.

Wenn Sie sich aussuchen könnten, in welchem Land Sie einen Monat lang als Steuerberater arbeiten, welches wäre das? Puh, das ist schwierig. Eigentlich bin ich hier in Deutschland sehr zufrieden und würde ungern wechseln. Jedes Land hat sein eigenes Steuersystem und manche sind kompliziert. Die USA wären für mich ein Graus, weil dort jeder Bundesstaat seine eigenen Regelungen hat – manche Steuern gibt es in einem Staat, in anderen nicht. Das wäre nichts für mich. Die Schweiz wäre da schon interessanter, vielleicht das einzige Land, in dem ich mir vorstellen könnte, mal für ein halbes Jahr zu arbeiten. Aber auch da habe ich schon durch die Mandate, die wir für die Schweiz betreuen, Einblick.

Gibt es ein Klischee über Steuerberater, das Sie am meisten amüsiert? Das weitverbreitetste Klischee ist wohl, dass wir als „Paragrafenreiter“ oder alemannisch „Dipfelischisser“ gesehen werden. Klar, in gewisser Weise stimmt das – manche Dinge sind in der Theorie ganz exakt geregelt, aber in der Praxis läuft es oft anders. Ein anderes Klischee ist, dass unsere Arbeit angeblich trocken ist, was überhaupt nicht stimmt. Tatsächlich ist unser Beruf extrem abwechslungsreich. In einer nicht spezialisierten Kanzlei haben wir Einblicke in unzählige Betriebe und Branchen und selbst ähnliche Betriebe sind meist völlig unterschiedlich. Wir bekommen als Berater einen sehr tiefen Einblick in das Leben unserer Mandanten und wissen theoretisch sogar mehr als der Arzt – wir kennen fast alles über sie, von Kontobewegungen bis hin zu Kreditkartenabrechnungen. Unser Beruf ist also alles andere als eintönig.

Was machen Sie am liebsten in der Freizeit, um sich vom internationalen Steuerdschungel zu erholen? Am liebsten unternehme ich etwas mit den Kindern. Es hängt natürlich davon ab, was sie gern machen. Unsere Große malt gern, spielt und lässt sich gern vorlesen. Der Kleine hingegen ist das komplette Gegenteil – eine Woche Regen wäre eine Katastrophe für ihn. Er kann stundenlang im Sandkasten spielen oder sich mit Steinen beschäftigen. Die Große schaukelt gern, braucht aber immer jemanden, der sich mit ihr beschäftigt; sie will Unterhaltung. Der Kleine spielt dagegen auch mal allein. Die Zeit mit den Kindern hilft mir wirklich, den Kopf frei zu bekommen – der perfekte Ausgleich zum Büroalltag.

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